Catrin George – Geschichten vom Schreibtisch

Der Tag an dem Fernando Pessoa in meinen Kopf eingezogen ist

In diesem Jahr ist der portugiesische Dichter Fernando Pessoa in meinen Kopf eingezogen, während ich an einem literarischen Essay über ihn und sein Lissabon gearbeitet habe, das 2021 publiziert wird und mit wundervollen Schwarzweißfotografien ausgestattet in einer english Brochur seine Buchheimat findet. Unverschämterweise ist Fernando Pessoa ohne mich vorher zu fragen eingezogen in meine Welt des Nachdenkens und Reflektierens, wobei ich zuvor bereits hochaktiv gewesen bin und was Gedanken nun nochmals beschleunigt. Seither schneide ich das Draußen in Scheiben. Vorher habe ich Impressionen nach Farben getrennt, aber Scheiben sind nachhaltiger. Das macht keinen Sinn? Mag sein. Muss es auch nicht, schließlich ist der Herr mit dem schwarzen Hut und Schnurrbart, mit der runden Nickelbrille und seiner eher schmalbrüstigen Figur in meinen Kopf – und nicht in deinen eingezogen.

Er und seine ganze Literarische Genese, von Drama bis Utopie, von Lyrik bis Erotik einmal quer durch alle Literaturgattungen, und noch mehr, als reiche dies nicht schon, brachte er seine anderen Ichs einfach mit. Alle mit Hut, Brille, Schnurrbart und Anzug, allerdings auch alle mit einem anderen Namen und einer anderen Biografie als seiner ausgestattet. Hört sich kompliziert an? Ist es – und ist es nicht – solange man die Herrschaften zu unterscheiden kennt, am bestend daran, was sie schreiben, weil jeder sein ganz eigenes Terrain bedient. Der eine philospohisch, der andere das Drama im Menschen, der dritte dichtet beinahe mechanisch pur und der vierte reflektiert eher Persönliches.

So labe ich mich also seit meiner emotional und mental hoch intensiven Auseinadersetzung mit dem Manuskript und dem Dichter, Tag und Nacht an der Vielseitigkeit dieses einen einzigartigen Lissabonner Poeten, der sämtliche Träume dieser Welt in seinem Kopf herumführt und stets jeden Eindruck, den er mit dem Verstand, dem Herzen, und dem Unsichtbaren dazwischen wahrnimmt, in drei Scheiben schneidet, diese verschiebt und danach neu zusammensetzt. Stringent und präzisiert sprachlich neu erfunden bringt er diese Neuzusammenschiebungen von Eindrücken wortreich, und dennoch schlicht aufs Papier.

Sein Genie liegt eventuell in dieser Schlichtheit, eventuell in der Komplexität, die dadurch entsteht, oder in der individuellen Interpretation des Rezipienten. Eventuell ist es die individuelle Komplexität, mit der sich schlicht jeder identifizieren kann? Jedenfalls hat das Genie Pessoa die Literatur Portugals revolutioniert und alle Avantagardisten seinerzeit um sich geschart, so das er, laut Alberto Caeiro, der Herdenhalter seiner Schäfchen war.

Bitte nichts Banales, bat mein Verleger mich bei der Vorbesprechung über Inhalt und Struktur, und darauf habe geachtet. Und darauf, Fernando Pessoa als Person gerecht zu werden. Ausdrücken, so dass dich andere verstehen aber so ausdrückst, wie es zuvor noch nicht geschehen ist. Ein guter Anspruch, kein wertender, denn das war Fernando Pessoa fremd. Humanist war er von der Ferse bis zum fehlenden Haupthaar über der fliehenden Stirn, ein Mensch, der hören konnte, was andere nicht sagten, und einer, der stets und ständig und bis zum letzten Atemzug seine Stimmer dafür erhob, die Kinder seiner Stadt empfindbar sichtbar zu machen. Seine völkischen Vierzeiler neben seinen ungezählten publizierten Plädoyers für stärkere soziale Gerechtigkeit, für Demokratie, für Integration, zeigen einen Mann des Durchblicks, einen Schriftsteller, der seine Berufung darin sah, über das was ihn bewegt, zu schreiben und laut, stringent und schlicht ausgedrückt, zu veröffentlichen. Das imponiert mir. Rästelhaft ist seine Art Dinge zu benennen, bloß auf den ersten Blick, beim zweiten Lesen verschwindet die Trennwand wie von Zauberhand und die Ebene zwischen A und B, zwischen schwarz und weiß, wird fühlbar.

Ich kann also schreiben: es regnet Bindfäden und der Mann und die Frau werden nass, deswegen flüchten sie in einen Hauseingang, wo sie händchenhaltend darauf warten, das der Regen aufhört., …, oder ich könnte schreiben: der Himmel lässt nässende Perlen aus seinem wattigwolkigen Grau fallen, der ihr und sein Haar mit feuchten Sternen benetzt. Betört vom Glanz ihrer vom Universum gewaschenen Gesichter taumeln sie unter einen schützenden Dachvorsprung. Ihr Haupt ruht an seiner Schulter, sein Arm hält sie umschlungen wie eine Feder, beide lächeln, bis Sonnenstrahlen das Grau durchdringen und die Welt in verliebtem Bunt erstrahlt.

… die zweite Variante gefällt mir besser, als Schriftstellerin und als Leserin.

Viel gelernt habe ich von Fernando Pessoa und zerschneide seit meiner Arbeit an seiner Persönlichkeit und seinem Werk für meinn Buch, ebenso meine Eindrücke um mich herum. Trainiere dies geradezu, selbst nachts mit geschlossenen Augen, wenn mein Liebster neben mir schlummert, seziere ich die Dunkelheit und was bildlich darin stecken mag, und amm Tag, als Beispiel an der Supermarktkasse, schärfe ich die Kanten meiner Wahrnehmung, und entblöße (im Geiste für mich), was unsichtbar zwischen Gesten, Blicken, Worten, passiert.

Der Horizont für meine Arbeit am Schreibtisch rutschte in den vergangenen Monaten immer näher an mich heran und danach erst in weite Ferne, lange vor dem ersten Niederschreiben werde ich erst Sehende, erst dann wird es still in mir und ich beginne den Akt des Wortes auf Papier werfen.

Schreiben für mich, ist das Ende meiner Gedanken, weil alles Notwendige hierfür vorher passiert. Soviel zum Thema Arbeit und Struktur.

Herzlich willkommen in meiner Gedankenwelt am Schreibtisch in Südportugal.

eure Catrin

„Das Lissabon des Fernando Pessoa“ erscheint 2021 zur Leipziger Buchmesse in der Reihe >>Wegmarken – Menschen und Orte<< in der Edition A. B. Fischer, Berlin. http://www.catringeorge.com/books/lissabon_fernando_pessoa.html

#catringeorgeautorin #portugalliteratur #portugalmeinmetier #DasLissabondesFernandoPessoa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s